Gemeinde verlassen? Meine Gedanken kreisen darum.

Mir ist es wichtig, Menschen mit meinen Texten zu ermutigen. Ich empfinde darin sehr viel Erfüllung und bin dem Herrn dankbar, dass er mir die Möglichkeit gibt, hier schreiben zu dürfen. Doch – manchmal kreisen die Gedanken um ein etwas nicht ganz so leichtes Thema. Und dafür muss auch Raum sein. Die Gemeinde, in die ich gehe, ist ein wunderbarer Ort, mit wundervollen Geschwistern. Sie ist auch der Auftrag von Gott, dass wir uns einer anschließen – damit man als Christ eben nicht vereinsamt.

Aber – sie ist auf extrovertierte Menschen ausgerichtet. Und ich merke jetzt, nach all den Jahren, dass ich viel zu oft versucht habe, mich dem anzupassen. Was mir letztlich eher geschadet, als genützt hat. Deswegen habe ich die Videoreihe begonnen, um zu berichten, wie das Leben in einer Höhle aus Gedanken so ist. Und ich habe auch die Hoffnung, dass meine Gemeindeleiter sich mit dem Thema befassen.

Doch ich erwarte nicht, dass man von jetzt auf gleich die Gemeinde umkrempelt, damit es MIR gut geht. Ich möchte die Menschen sensibilisieren und das geht nur, indem ich darüber spreche.

Es ist mir auch wichtig zu schreiben, dass ich hier niemanden anklagen möchte. Ein extrovertierter Mensch kann nicht introvertiert werden und umgekehrt. Gott hat uns geschaffen wie wir sind. Die Gemeinde braucht beide Personengruppen, um reichhaltig zu sein. Doch viele Introvertierten ziehen sich irgendwann zurück, weil der Alltag in einer solchen eher laut und hektisch ist. Und meine persönlichen Vermeidungsstrategien neigen sich langsam dem Ende entgegen.

Ich habe einem der Gemeindeleiter geschrieben und bin gespannt auf das Gespräch. Und auch ein bisschen aufgeregt, weil da für mich sehr viel dran hängt. Ich habe viel Zeit in die Gemeinde investiert, bin in zwei Teams aktiv dabei und doch – fühle ich mich oft fremd.

Gemeinde: Dienst um jeden Preis?

Im Gottesdienst bin ich oft auf die Empore gegangen (die momentan noch nicht für alle geöffnet ist, weil wir immer noch dabei sind, die Räume fertig einzurichten) und habe mich dort oben hingesetzt. Dort ist unsere „Schaltzentrale“ im Technikteam. Dort steht der Tisch mit dem PC. Und dort fühle ich mich wohl. Von oben kann ich runter schauen, den ganzen Saal erblicken und habe alles im Blick. Ich kann einfach so aufstehen, wenn mir danach ist und mir einen Kaffee an der Bar holen, die zu dem Zeitpunkt leer ist (weil die meisten ja im Gottesdienst sitzen).

Ich kann etwas zur Ruhe kommen. Es ist dort oben stiller als unten. Nur wenige sitzen dort. Und die meisten, die dort sitzen, sind genau so wie ich introvertiert. Es ist eine kleine Oase inmitten der Wüste. Auch wenn der Vergleich jetzt ein wenig hart klingen mag.

Gemeinde verlassen? Meine Gedanken kreisen darum.

Ist Rückzug die richtige Antwort auf das Problem?

Die Frage stelle ich mir natürlich. Seit einigen Jahren schon.

Ich habe auch schon mit einigen Geschwistern darüber gesprochen. Allerdings konnte ich das Problem bis vor kurzem nicht deutlich benennen. Und eine rasche Lösung kann ich auch nicht anbieten. Keine gute Verhandlungspositition.

Den Gemeindeleitern werde ich das Buch von Debora Sommer – Die leisen Weltveränderer vorschlagen. Sie beschreibt als Introvertierte genau die Schwierigkeiten, die man in der Gemeinde haben kann. Das – sich fremd fühlen – in einer Gemeinschaft, in der man doch sich eigentlich wohl fühlen sollte. Schließlich bin ich ein Kind Gottes. Warum komme ich mir dann trotzdem manchmal so fremd vor und kann nicht wie die meisten an der Gemeindefreizeit teilnehmen? Warum fühle ich mich nach dem Gottesdienst erschöpft und muss nach Hause in die Stille, um wieder aufzutanken?

Im Gespräch mit einer Schwester merkte ich, wie unterschiedlich wir sind. Sie ging in die Gemeinde und blühte dort auf. Für sie war jeder Besuch ein „auftanken“ ein „nach Hause kommen“. Für mich war es das Gegenteil. Da ich in der Technik arbeitete, saß ich oft mit dem Ipad oder Handy herum und konnte wenigstens so tun, als ob ich beschäftigt war.

Gott kennt den Plan – ich nicht.

Ich wollte kein Smalltalk führen und bei der Frage „Wie gehts dir“ antwortete ich manchmal mit vollkommen sinnlosen Antworten („ja“) – was ich aber nicht bei jedem machte, sondern nur bei Leuten, von denen ich wusste, sie würden darüber lachen.

Doch nur weil ich introvertiert bin, hieß es nicht, dass ich Menschen nicht mochte. Sonst würde ich ja nicht in die Gemeinde gehen und versuchen, darüber zu sprechen. Da Gott uns unterschiedlich gemacht hat, wird er auch einen Plan haben. Die Gemeinde ist eben ein Geschenk und ein Segen. Und ich hoffe, die Gemeindeleiter werden das Buch lesen. Vielleicht habe ich dann eine gute Basis, um uns Introvertierte leichter dort zu integrieren.

Wir gehören zusammen – introvertiert und extrovertiert – doch dafür müssen wir den Anderen verstehen, was seine Bedürfnisse sind. Ich hoffe, ich kann mit Gottes Hilfe eine positive Veränderung bewirken. Bitte betet für mich!

Kristina

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen. - Matthäus 28, 20b -

4 Kommentare

  1. 3. April 2020
    Antworten

    Ich kann aus meiner Erfahrung bezeugen, dass Introvertiertheit kein unumstößliches Schicksal ist. Im Lauf von vielen Jahren hat Gott mich sehr verändert. Zwar brauche ich immer noch zum Regenerieren Zeit für mich alleine und geniesse das Alleinsein mit dem Herrn, aber ich gehe heute von mir aus auf Leute zu, was ich früher nie getan habe. Mein Denken ist darauf ausgerichtet, wie es dem anderen geht. Meinen Gefühlen schenke ich insgesamt nicht mehr so viel Beachtung. Ich kann gar nicht genau sagen, wie das passiert ist. Ich bin auch nicht “extrovertiert” geworden, aber ich möchte mich von Jesus hineinnehmen lassen in seine Zuneigung und Fürsorge für die Menschen, mich mit seinen Gefühlen identifizieren sozusagen.

    • Kristina
      3. April 2020

      Moin Ruth. Man darf Introvertiertheit mit Schüchternheit nicht verwechseln. Das eine kann man ändern, das andere bleibt als Teil der Persönlichkeit bestehen. Und sicher, auch als Introvertierter kann man auch extrovertiert handeln. Ich habe z.b. große Schwierigkeiten auf die Leute zuzugehen, da ich Angst vor Zurückweisung habe. Und ich habe selbst viel zu lange versucht, mich so zu verhalten, wie man das vielleicht von mir erwartet. Gott hat uns geschaffen und ja, er verändert uns. Ich danke ihm für jeden Fortschritt, den ich mache und sei er noch so klein – ich bin dankbar dafür. Doch ich denke, das wichtigste ist, dass man sich gegenseitig sieht – vor allem in der Gemeinde. Beide Personengruppen haben ihre Gaben und nur gemeinsam kann die Gemeinde reichhaltig sein. Ich wünsche dir noch ein schönes Wochenende 🙂

      Grüße Kristina

    • Kristina
      6. April 2020

      Moin Ruth

      Danke für das Video, ich habe zwar eine andere Meinung dazu, aber wenn du damit gut zurecht kommst, dann ist es dein Weg 🙂 Wünsche dir einen wunderschönen Tag!

      Grüße Kristina

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